Robert Straubhaar: „Das Amazon-Prinzip in der Binnenschifffahrt verwirklichen“

Robert Straubhaar: "Das Amazon-Prinzip in der Binnenschifffahrt verwirklichen"

1994 schmiss Jeff Besos seinen Job an der Wallstreet, um einen Online-Buchhandel zu gründen. Heute lässt sich die Produktpalette seiner Plattform nicht mehr mit einem Oberbegriff fassen: Amazon vertreibt eigene Inhalte über eigene Kanäle, arbeitet auf den Verkauf von Autos hin oder bietet IT-Dienstleistungen für Unternehmen an. Etwas ähnliches schwebt auch Robert Straubhaar vor. Allerdings mit dem Fokus auf die gesamte Binnenschifffahrt. Mit Basis in Köln.

„Man geht nicht zu Amazon, weil man die Marke toll findet. Man geht zu Amazon, weil man dort transparent und einfach das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bekommt“, erklärt Straubhaar das Konzept. „Das schafft Amazon mit einem One-Stop-Shop, der wiederum Shop-in-Shop-Systeme von Partnern beinhaltet; mit Modularität und Synergieeffekten.“ Zwischen der KD-Aufsichtsratssitzung und seiner Rückfahrt in die Schweiz nimmt sich der Unternehmer aus Basel am 21. April knapp zwei Stunden für ein Gespräch Zeit. Treffpunkt ist ein Hotel nahe dem Kölner Hauptbahnhof. Wir setzen uns in das Café der Lobby.

Online-Handel und Cloud-Services für die breite Masse wird es aus dem Hause River Advice nicht geben. „Einen generalistischen Ansatz wie Amazon werde ich nicht verfolgen“, lacht Straubhaar. „Wir sind und bleiben Schifffahrtsfachleute.“ Also liegt der Fokus auf Bereederung, darunter Administration, Personalwesen, Gastronomie und Schiffsbetrieb, -ausrüstung, -technik und -wartung. Schon heute managt die Unternehmensgruppe 83 Flusskreuzfahrtschiffe. Dazu gehören schon länger die Flotten von Avalon Waterways und Excellence. Im September 2016 kamen mit dem Kauf der Aktienmehrheit der Köln-Düsseldorfer 34 von KD Cruises bereederte Flusskreuzfahrtschiffe hinzu. Das sind die Flotten von Premicon, Scenic und Emerald.

Thinking big about niches

Auch die neun Tagesausflugsschiffe der KD gehören jetzt über eine Tochtergesellschaft zu River Advice. „Egal welches Schiff man betreibt: Viele Sektoren überschneiden sich einfach – da macht es Sinn, Erfahrungen und Kompetenzen zu bündeln“, unterstreicht Straubhaar, der schon im September Synergieeffekte bei Einkauf, Gastronomie und Technik aufzeigte. „Hier in Köln werden wir Schritt für Schritt ein Kompetenzzentrum für die Binnenschifffahrt aufbauen, das einen ordentlichen Mehrwert für unsere Kunden und Mitarbeitende schafft. Dazu gehört auch eine 24-7-Betreung, also rund um die Uhr.“

Straubhaar hat eine höhere Offiziersausbildung bei der Schweizer Armee absolviert, sieht sich aber auch sonst als strategischen Denker. „Eine Beschränkung auf Fahrgastschiffe würde wenig Sinn machen. In Europa gibt es rund 12.000 Güterschiffe. Wieso sollte es uns nicht gelingen, die verschiedenen Dienste auch auf die ,schwarze‘ Schifffahrt anzupassen?“, fragt er. „Mein Traum wäre, fünf bis zehn Prozent der Güterschifffahrt als Partner oder Kunden zu haben.“ Das ist noch nicht ganz auf Jeff-Bezos-Level – Amazon bedient einem Marktforschungsinstitut zufolge heute 42 Prozent des weltweiten Cloud-Markts und einen ähnlich großen Teil des Online-Handels. Aber für die ,Nische Binnenschifffahrt‘ ist es groß gedacht.

Ideen im Detail

Administration, Finanzierung, Versicherung, Wartungs- und Serviceverträge, Nautische Dienstleistungen, Beratung in Umwelttechnik und Bau, effiziente Lagerhaltung, Reduktion des Angebots auf das Wesentliche oder Aus- und Fortbildung an Bord eines eigenen Trainingsschiffes: Über all das hat sich Straubhaar Gedanken gemacht. „Anders als etwa bei einem Partikulierverbund kann jeder Kunde nur solche Module in Anspruch nehmen, die ihm gefallen.“ Ein Promo-Video von Amazon-Web-Services visualisiert dieses Baukastenprinzip ganz ansprechend.

Für die Umsetzung will sich Straubhaar Partner ins Boot holen, die in ihren Bereichen Spezialisten sind. Als Shop-in-Shop, auf einer neutralen Plattform. „Ich sehe mich in vielen Bereichen höchstens als „Halbfachmann“, das ganze System ist zu breit und zu komplex. Da kann keiner allein den Durchblick behalten“, sagt der Vater von sechs Kindern. „Außerdem liebe ich Kooperationen und Wissensaustausch, aus denen alle Beteiligten einen Nutzen ziehen und bin für Ansätze und Vorschläge offen.“

Zu den konkreten Projekten gehört die Digitalisierung des Steigermanagements in Köln, denn für die Hotelschifffahrt sind Anlegemöglichkeiten am Altstadtufer knappe Ressourcen. Natürlich bleibe die Maxime: „KD first.“ Weiter geht es etwa mit der Vereinheitlichung von Landstromanschlüssen und Abrechnungssystemen. „Da kocht noch fast jede Stadt und Hafenverwaltung teilweise mit großem Kostenaufwand ihr eigenes Süppchen“, sagt Straubhaar, der auch über das digitale Management von Schiffszertifikaten nachdenkt. „Damit wären die Dokumente zum einen an Land wie an Bord verfügbar, zum anderen ließen sich Erinnerungsfunktionen für Wartungsintervalle einrichten.“ Idealerweise direkt mit passenden Terminvorschlägen.

Eine so umfassende Plattform muss doch geeignet sein, die von Schifffahrtsverbänden geforderten Pakete von Antriebsmaschinen, Filterherstellern und Wartungsfirmen anzubieten, um kommende Abgasrichtlinien zu erfüllen. „Das wäre natürlich ein ganz großer Wurf“, bestätigt Straubhaar, der auch über ein eigenes Aus- und Fortbildungszentrum speziell für die Fahrgastschifffahrt nachdenkt. Lediglich in das Thema Ladung und Befrachtung will der Patentinhaber, der sich vom Schiffsjungen hochgearbeitet hat und auch die kaufmännische Seite der Containerlogistik an Land kennt, nicht einsteigen – da gebe es schon genügend funktionierende Systeme.

Köln-Düsseldorfer: Mehr als eine Investition

In der Übernahme der KD mit ihrer eigenen Fahrgast-Flotte und den bereederten Flusskreuzfahrtschiffen sieht Straubhaar einen ersten Schritt hin zu seiner Vision. Das Traditionsunternehmen wird gleichzeitig Bestandteil und Kunde des neuen Kompetenzzentrums sein. „Man hätte die KD nicht kaufen müssen, hätten wir nur mit dem Rechenschieber gearbeitet“, sagt der 56-Jährige. Im Management von KD Triton und Viking River Cruises hat er mit der damaligen KD-Kabinenschiffsflotte Teile des Unternehmens auch in schlechteren Zeiten schon begleitet, bevor er 2004 River Advice gründete. „Aber wir können hervorragend voneinander profitieren – und für die Weiterentwicklung braucht es die Bündelung der Kompetenzen und zusätzliche finanzielle Mittel von außen. Letztendlich ist mir die KD auch ein Herzblutthema.“

Gerade erst hat der Baseler Unternehmer den verbleibenden Kleinanlegern der ältesten Aktiengesellschaft Deutschlands ein Übernahmeangebot gemacht. Das konnten sie aufgrund seiner Mehrheit von 97 Prozent nicht ausschlagen. Straubhaar will die gerade in die Saison gestartete KD komplett von der Börse nehmen. Grund dafür sind nicht allein die Kosten, die durch die jährliche Hauptversammlung und die hohen administrativen Auflagen entstehen.

„Klar ist der Aufwand für Hauptversammlung und Finanzbericht für ein Unternehmen mit 25 Millionen Euro Jahresumsatz nicht gerechtfertigt“, bestätigt Straubhaar. Für die Freunde der Köln-Düsseldorfer soll es auch weiterhin die Genussrechte als Geldanlage geben. „Ebenso wichtig aber ist, dass unter den Aktionären auch KD-Wettbewerber sind, die aufgrund der Publikationspflichten immer frühzeitig im Bilde sind. In einer Zeit, in der ein bis zwei Monate Reaktionszeiten über Erfolg oder Misserfolg eines Projektes entscheiden, ist das kein Zustand.“

Aus Fehlern lernen

Dass die Binnenschifffahrtsbranche insgesamt zu konservativ für den Amazon-Ansatz ist, glaubt Straubhaar nicht. „Es wird sich über die Jahre mit der Entwicklung des Kompetenzzentrums zeigen. Wir werden einfach sehen, welche der Projekte funktionieren, und welche nicht. Die nützlichsten Themen werden vom Markt angenommen und werden Geld abwerfen. Der Mehrwert wird sich nicht nur für uns, sondern für das ganze Gewerbe rechnen. Damit will ich meinen Beitrag für die Binnenschifffahrt leisten“, resümiert Straubhaar, der auch an Stadtentwicklungsprojekten im Raum Basel wie der Rheinlagune oder der Rheinlehne beteiligt ist.

Aus Fehlern lernen – einen Beitrag für die Gesellschaft leisten: Das klingt ein wenig nach Google-Philosophie, Elon Musk oder eben Jeff Bezos. Auch die erlauben sich Fehler, um daraus zu lernen. Straubhaar sieht das ähnlich: „Das ist der Wandel – entweder ich bin Teil davon, kann eventuell etwas steuern und eine gewisse Ethik erhalten. Oder ich kann aussteigen und es den anderen überlassen.“

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