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Flüchtlingsintegration: Binnenschiffer statt Tiefseetaucher

Autor: Christian Grohmann       Datum: 12.12.2017
Taucher an einer Kette unter Wasser.
Symbolfoto: Freeimages/Jan Soucek

Ab einer Wassertiefe von 66 Metern hat Sauerstoff eine toxische Wirkung. Wer weiter unten arbeiten will, muss Körper, Verstand, Tauchequipment und Arbeitsgerät absolut beherrschen. Arash* hat das in seiner Heimat gelernt und drei Jahre praktiziert. Dann floh er nach Deutschland. Knapp zwei Jahre später nutzt der 30-Jährige die Pause zwischen zwei Deutschkursen, um in die Binnenschifffahrt zu schnuppern – und stößt auf zwei Hürden.

* Name von der Redaktion geändert

Guten Nachwuchs für die Besatzung zu finden, ist wirklich nicht einfach. Diese Erfahrung hat auch das Ehepaar Schulten gemacht. Einem Flüchtling aus dem Iran einen Praktikumsplatz an Bord geben? Für die weltoffenen Partikuliere kein Problem. „Wir haben schon gute wie schlechte Erfahrungen mit ausländischen Arbeitskräften aus Russland und Osteuropa gemacht“, berichtet Schulten, der seinen richtigen Namen nicht im Internet lesen möchte. „Wir geben dem Mann seine Chance und sehen, wie er sich macht.“

Kontakte, Kosten und Karriere

Für Arash ist die Chance, bald wieder in seinem alten Beruf zu arbeiten, in weite Ferne gerückt: Zwar sind Industrietaucher auch in Deutschland gefragt – doch Schulzeugnis, Technikerabschluss sowie Zertifikate für Schweißerhandwerk, Metallprüfung und Tiefseetauchen auf Farsi und Englisch helfen hierzulande nicht weiter. Schon die Übersetzung jedes einzelnen Papiers kostet über 100 Euro; von einer Anerkennung ist dann noch nicht einmal die Rede. Taucherlehrgänge in Deutschland schlagen mit rund 10.000 Euro zu Buche. Das übersteigt Arashs privates Budget ebenso wie die Fördertöpfe des Jobcenters.

Also drückt der frühere College-Student wieder die Schulbank, bis er das als ausbildungsreif geltende Deutschniveau B1 erreicht hat. Zwischenzeitlich besucht er einen Kurs Jobintegration und absolviert ein Metallbauerpraktikum. Kontakte zu Einheimischen baut er in einer Basketballmannschaft, einer Kirchengemeinde sowie in der Flüchtlingshilfe seines Wohnortes auf. Dort kennt jemand die Familie Schulten.

Anziehendes Element

Arash spricht ruhig und bedacht, korrigiert sich ab und zu selbst. Seine beruflichen Präferenzen erklärt er so: „Nummer eins ist: Unter Wasser schweißen. Nummer zwei: Auf dem Wasser oder am Wasser arbeiten. Nummer drei: Nur schweißen.“ Tür Nummer drei steht ihm offen. Doch Wasser hat eine besondere Anziehungskraft – und Metallbau- und Taucherfahrungen schaden auf dem Schiff bestimmt nicht.

Nach einem Besuch zum Tag der offenen Tür am Schifferberufskolleg „Rhein“, einem Blick auf das Schulschiff vom Ufer aus sowie weiteren Erkundigungen ist für Arash klar: Berufsbild, finanzielle Aspekte und Aufstiegschancen als Binnenschiffer sind interessant. Ob Reisetätigkeit ein Problem ist für jemanden, der monatelang auf einem Arbeitsschiff im persischen Golf gelebt hat, der sich tausende von Kilometern entfernt von Heimat und Familie eine neue Existenz aufbauen will? Arash lächelt. „Nein, überhaupt kein Problem.“

Rechtliche Hürden

Die Betreuerin beim Jobcenter weiß zunächst nicht, wie sie eine bewegliche Betriebsstätte eintragen soll; fragt ungläubig, wo Unterbringung und Verpflegung erfolgen. Arash klärt sie auf, dass man auch auf einem Binnenschiff richtig wohnen kann. Familie Schulten übernimmt Kost und Logis. Das Jobcenter genehmigt vier Wochen Praktikum. „Bewilligung einer Maßnahme zur Feststellung und Verringerung von Vermittlungshemmnissen“, steht auf dem Bescheid. Man hätte es auch einfacher ausdrücken können. Schiffer, Jobcenter und eine Flüchtlingshelferin vernetzen sich via E-Mail.

Das entpuppt sich als nötig: Ursprünglich hatte Familie Schulten damit gerechnet, zwei Monate lang einen regionalen Kiestransport innerhalb Deutschlands zu bedienen. Doch die Auftragslage ändert sich schneller als gedacht: Die nächste Reise führt das Gütermotorschiff von Andernach nach Rotterdam. Nach kurzer Recherche bestätigt sich die zuvor getroffene Annahme: Ohne Aufenthaltstitel wie Asyl oder Visum, für die Paragraf 25 der Aufenthaltsverordnung Ausnahmen für Binnenschiffsbesatzungen vorsieht, darf Arash das Land nicht verlassen. Seine Aufenthaltsgestattung ist kein solcher Titel.

Persönliche Erfahrungen

So endet das Praktikum nach nur zehn Tagen in Duisburg. Sehr zum Bedauern beider Seiten: „Wenn wir uns entschließen, wieder auszubilden, würden wir Arash gerne einen Platz anbieten“, resümiert Schulten. „Der Mann ist qualifiziert, aufnahmefähig, erkennt Zusammenhänge und packt an. Auch persönlich sind wir gut miteinander klar gekommen. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand so schnell so gut Deutsch spricht.“

„Wenn ich einmal nicht verstehe, bitte ich um eine langsame Erklärung“, sagt Arash, dem der Beruf grundsätzlich zusagt: „Eine gute Arbeit, man ist viel draußen. Einmal durfte ich auch das Schiff fahren. Die Menschen sind sehr freundlich. Und das Zimmer im Schiff ist viel besser als in meinem Heim.“ Allerdings schläft er in den letzten Nächten auf dem Schiff sehr schlecht, hat Alpträume: In einem kleinen deutschen Hafen lädt das Schiff Weizen, als die iranische Religionspolizei auf der Kaimauer vorfährt, Arash verhaftet und am nächsten Kran aufknüpft.

Dass Arash, obwohl körperlich präsent, über die letzten Tage zunehmend müde und unkonzentriert ist, fällt auch der Besatzung auf. Am letzten Tag spricht Arash beim Frühstück seine Schlafprobleme offen an. Schulten versteht. „Das Schiff muss eine Erinnerung ausgelöst haben. Wenn Sie sich gut kennen, wird er bestimmt mit Ihnen darüber reden“, sagt er der Flüchtlingshelferin am Telefon, bevor er in Duisburg festmacht. Von dort ist Arash mit dem Zug binnen einer halben Stunde an seinem Wohnort.

Am nächsten Tag hat Arash starke Magenschmerzen und sucht einen Arzt auf. Er vermutet eine Gastritis. Die sei schon einmal aufgetreten, zum Ende seines Arbeitseinsatzes auf dem Schiff im Persischen Golf, erzählt er. Arash ist enttäuscht: „Ich dachte, das ist lange vorbei.“

Neue Zukunftspläne

Einen Monat später besucht Arash wieder einen Sprachkurs. Deutsch, Level B2. Der Kurs läuft viereinhalb Monate. Die Flüchtlingshelferin hat außerdem bei einem psychosozialen Dienst ein halbes dutzend Beratungsstunden organisieren können. Das ist ein Anfang. Die Therapeutin stammt selbst aus dem Iran, geht aber bald in den Ruhestand.

Noch hat Arash Sorgen, wieder auf einem Schiff zu übernachten. „Das ist sehr schade, denn ich liebe das Wasser“, unterstreicht er. Einen neuen Anlauf auf einem Tagesausflugsschiff, in der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung oder im Wasserbau kann er sich gut vorstellen. Es wäre nicht das erste mal, dass Arash seine Pläne den Umständen anpassen muss. Da ist das Leben nicht anders als die Arbeit unter Wasser.

Tags: personalmangel, integration, flüchtlinge, schiffernachwuchs,

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