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Feinstaub: Bremsen-, Reifen- und Asphaltabrieb lässt LKW hinter Binnenschiff zurückfallen

Autor: Christian Grohmann       Datum: 10.05.2017
Nahaufnahme Auspuff. Symbolbild: FreeImages.com/Vince Petaccio
Symbolbild: FreeImages.com/Vince Petaccio

Motorenabgase sind nicht das Hauptproblem in der Feinstaub-Bilanz des Straßenverkehrs. Zu diesem Schluss kommen die Umweltämter aus Bayern und Baden-Württemberg. Aktuellen Berichten von Zeit Online und Bayerischem Rundfunk zufolge stammt 80 bis 85 Prozent des Feinstaubs aus dem Straßenverkehr von Bremsen-, Reifen- und Asphaltabrieb sowie aus aufgewirbeltem Staub.

Probleme, die es auf Flüssen und Kanälen nicht gibt: Selten soll ein Schiff in der Vorbeifahrt oberhalb der Wasserlinie Staub aufgewirbelt haben. Tauwerk- oder Reibholzabrieb dürfte in deutlich kleineren Mengen vorliegen, als die von Zeit Online benannten jährlichen 111.400 Tonnen, die laut Bundesanstalt für Straßenwesen aus dem Verschleiß von Reifen und Bremsen stammen. Entfielen davon etwa 16 Prozent auf Fahrzeuge über zwölf Tonnen Gewicht, wären das 17.824 Tonnen.

Argumente für das Schiff

Unverhältnismäßig gleich verteilt, ergäbe das 1.114 Tonnen Bremsen- und Reifenfeinstaub pro Bundesland. Asphaltabrieb kommt noch dazu. Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen, wo in Tonnen gemessen etwa die Hälfte der deutschen Binnenschifffahrt stattfindet, die ihrerseits rund ein viertel des Güterverkehrs in diesem Bundesland abbildet, stieß die gesamte Flotte nach Zahlen des NRW-Umweltamtes im Jahr 2012 etwa 456 Tonnen Feinstaub (PM10) aus. Deutschlandweit sind es demnach 623 Tonnen. Das ist deutlich weniger, als der selbst errechnete Bundesländer-Durchschnitt für Bremsen- und Reifenabrieb.

Das Argument, das Binnenschiff verursache mit 0,01 Gramm pro Tonnenkilometer doppelt so viel Feinstaub wie der LKW mit 0,005 Gramm pro Tonnenkilometer, trifft den beiden Landesumweltämtern zufolge also lediglich auf die Abgase zu, die 15 bis 20 Prozent der Gesamtbetrachtung ausmachen. Geht man einmal von dem kleineren Wert aus und zieht die Verkehrsleistung von 251 Milliarden LKW-Tonnenkilometern aus dem BDB-Faltblatt Daten & Fakten heran, ergeben sich für ganz Deutschland 1.255 Tonnen Feinstaub aus LKW-Abgasen. Hinzu kommen rechnerisch weitere 7.100 Tonnen Feinstaub aus Abrieb, der laut Zeit Online die Gesundheitsgefährder Blei, Cadmium, Kupfer und Zink enthält.

Update: Zahlen zum Thema Reifenabrieb liefert auch dieser Artikel von KFZ-Betrieb (2008)

Wissenschaftliche Betrachtung sinnvoll

Könnte man dagegen die komplette LKW-Tonnage auf das Binnenschiff verlagern, entstünden rechnerisch 2.520 Tonnen Feinstaub aus der Verbrennung in Schiffsmotoren. Wo die Binnenschifffahrt wie viel Feinstaub in Nordrhein-Westfalen ausstößt, lässt sich gut über die Darstellungsfunktionen der elektronischen Emissionskataster-Karten des Landes erkennen.

Insgesamt darf es aber nicht heißen, dass in der Schifffahrt keine weiteren Bemühungen stattfinden müssen: Die Entwicklung im LKW-Sektor geht weiter, wie etwa die Entwicklung des Bremsstaubsaugers oder abriebfesteren Reifen und Bremsbelägen zeigt. Außerdem liegt das Binnenschiff bei den Stickoxid-Emissionen hinter dem LKW zurück.

Weil aber die hier vorgenommenen Rechenspiele keine gesicherte Basis haben und selbst das Umweltbundesamt anders als die Bundesanstalt für Straßenwesen von weniger als 40.000 Tonnen Feinstaub pro Jahr aus dem gesamten Verkehrsbereich – einschließlich Abrieb – ausgeht, wäre eine differenzierte wissenschaftliche Betrachtung sinnvoll.

Gesamtbetrachtung

Welche Bedeutung hat die Feinstaub-Frage jenseits der Schifffahrt für den Personenverkehr? Wenn man sich etwa beim Verkehrsclub Österreich einliest, liegt die Vermutung nahe, dass Tempolimits in Ortschaften und auf Autobahnen auch eine Reduktion von Feinstaub-Emissionen herbeiführen: Es wird weniger Staub aufgewirbelt, weniger Abrieb beim Bremsen aus hohen Geschwindigkeiten erzeugt und eine Verkehrsverlagerung erzielt. Doch auch dazu finden sich unterschiedliche Meinungen.

Auch die Position von Clemens Klinke darf hinterfragt werden. Der zitierte Dekra-Fachmann sieht beim E-Auto keine wirkliche Verbesserung in Sachen Feinstaub. Allerdings betrachtet Klinke lediglich die Abgase. Die elektrische Bremsenergierückgewinnung, die bei modernen E-Fahrzeugen auch den Bremsenverschleiß und damit die Feinstaubproduktion minimiert, kommt in seiner Argumentation nicht vor. Wie hoch dieser Anteil ist, war im Netz aber nicht zu finden. Der Bremsstaubsauger-Erfinder Christoph Rocca-Serra spricht von 30 Milligramm Feinstaub pro Bremsvorgang eines Mittelklassefahrzeugs.

Tags: umwelt, feinstaub, ruß, luftschadstoffe, emissionen,

2 Antworten zu

  1. Christian Grohmann :
    Habe einen Artikel aus dem Jahr 2008 zum Thema Reifenabrieb ergänzt, der da von 1.000 bis 1.500 Milligramm Reifenabrieb pro Sattelzug pro Kilometer spricht. Danke für den Hinweis aus dem Binnenschifferforum.
  2. Jürgen Collée :
    Man könnte z.B.den Bremsenabrieb deutlich durch den Einsatz von Berührungslosen Magnetbremsen verringern und gleichzeitig die gewonnene Energie im Fahrzeug verwenden.Ist Technisch kein Problem und gibt es schon!mfgJ.Collée

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