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EU setzt Emissionsgrenzwerte für Neumotoren rauf – Branchenvertreter enttäuscht

Autor: Christian Grohmann       Datum: 07.07.2016
Schiffsmotoren an Bord des WSA-Arbeitsschiffes "Gereon". Bild: Grohmann
Branchenvertreter fragen sich, wer in Zukunft noch neue Binnenschiffsmotoren entwickeln wird - oder wie teuer diese werden. Bild: Grohmann

Rasenmäher, Lokomotiven, Binnenschiffe: Am 5. Juli hat das EU-Parlament neue Emissionsgrenzwerte für mobile Maschinen beschlossen. Dass die NRMM-Neuregelung neben strengeren Grenzwerten auch vereinfachte Verwaltungsverfahren bringt, tröstet die Branche wenig. Gunther Jaegers, Präsident der European Barge Union (EBU), zeigte sich enttäuscht.

Die überarbeiteten Typgenehmigungsvorschriften beschäftigen sich mit Emissionsgrenzwerten für Kohlenmonoxid, Kohlenwasserstoffe, Stickoxide und Partikelemissionen. Sie gelten ab dem 1. Januar 2019 für alle neuen Maschinen bis zu 300 Kilowatt. Für Maschinen mit mehr Leistung greifen sie ab 2020. Ebenso forderten die EU-Abgeordneten von der EU-Kommission eine Prüfung, ob auch gemeinsame Regeln für nachrüstbare Vorrichtungen zur Begrenzung von Emissionen notwendig seien.

Emissionen unter realen Fahrbedingungen

Im Vergleich zur bestehenden Richtlinie betreffen die neuen Regeln mehr Motorarten, sie sollen Verwaltungsverfahren vereinfachen sowie Durchsetzung und Marktüberwachung verbessern. Zusätzlich soll eine Leistungsüberwachung von Motoren während des Betriebs stattfinden, um Unterschiede zwischen den Messwerten im Labor und unter realen Fahrbedingungen auszugleichen. Die Motoren sollen unabhängig vom Treibstoff die gleichen Anforderungen erfüllen, um die Innovation in der Branche anzukurbeln.

Ankurbeln oder abhängen

„Wir konnten eine sehr gute Vereinbarung erreichen: Eine wichtige Abwägung zwischen Umweltschutz und der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Firmen“, sagte Elisabetta Gardini, Europaabgeordnete und Berichterstatterin. Ihr Bericht wurde mit 623 Stimmen angenommen, bei 57 Gegenstimmen und 27 Enthaltungen. „Wir haben die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Grenzwerte für viele Motorenarten noch strenger gemacht. Aber wir haben uns für einen Ansatz entschieden, der der Industrie erlaubt, die neuen Anforderungen in kurzer Zeit zu erfüllen.“

Das sieht Gunther Jaegers anders. Wie die Schifffahrtsverbände national und europaweit immer wieder betont hatten, sei der Markt für Hauptmaschinen in der Binnenschifffahrt zu klein, um Motorenhersteller für Entwicklungen in diesem Sektor zu begeistern. Um an der internationalen Schiffsmotorenentwicklung teilhaben zu können, hatte man eine Anlehnung an die als hinreichend ambitioniert wahrgenommenen US-Standards EPA Tier 4 mit eventuellen Verschärfungen der Partikelemissionen vorgeschlagen. Letztere ließen sich durch zusätzliche Systeme wirksam eindämmen. Noch bis Februar sah es nach diesem Kompromiss aus.

Siebenfach strengere Grenzwerte

Ebenso unverständlich findet der europäische Binnenschifffahrts-Dachverband, dass Motoren mit über 300 Kilowatt Leistung strengere Partikelgrenzwerte einhalten müssen (0,015 Gramm pro Kilowattstunde) als kleinere Exemplare (0,1 Gramm pro Kilowattstunde). So benötigten selbst LNG-Hauptantriebsmaschinen Abgasnachbehandlungssysteme, um die neuen Standards zu erreichen. Die EBU rechnet deshalb mit einem LNG-Entwicklungsstopp durch die Hersteller. Zudem gestalteten sich Messungen in den Größenordnungen der neuen Grenzwerte noch heute schwierig.

All dies führe zu einer „Kubanisierung“ der Flotte, da Schiffseigner vermutlich ihre alten Maschinen so lange wie möglich in Betrieb halten werden. Dies werfe den Sektor Binnenschifffahrt nicht nur umwelttechnisch zurück, sondern berge auch ein Sicherheitsrisiko, da Maschinenausfälle auf Fließgewässern leichter Havarien verursachen können. Anstatt wie auch dem Bahnsektor erreichbare Ziele vorzuschreiben, werde das Erreichen von Umweltzielen in der Binnenschifffahrt einer theoretischen Idee geopfert, so der Verband.

Luftschadstoffe in der EU

Die so genannte Sparte der mobilen Maschinen macht etwa 15 Prozent aller Stickoxid- und 5 Prozent aller Partikelemissionen in der EU aus. Laut Schätzungen der Europäischen Umweltagentur (EEA) sterben jedes Jahr 72 000 Menschen vorzeitig aufgrund von Stickstoffdioxid-Belastungen. Feinstaubpartikel forderten 403.000 frühzeitige Todesfälle. Nach Aussagen der Kommission belaufen sich die durch Luftverschmutzung bedingten Gesundheitskosten in der EU jedes Jahr auf 330 bis 940 Milliarden Euro.

Tags: umwelt, feinstaub, diesel, motor, epa tier 4, eu, grenzwert, emission, schadstoffe,

3 Antworten zu

  1. Christian Grohmann http://www.bonapart.de:
    Link Beschlusstext sowie Maßeinheiten Partikelgrenzwerte ergänzt am 8.7.2016
  2. Michael Berrier :
    Hallo Herr Grohmann, schoenen Dank fuer diesen Beitrag. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass einige/viele Schiffer enttaeuscht, sah es doch noch vor einigen Monaten ganz gut. Dann werden wir uns verstaerkt um die Bestandsmotoren zu kuemmern. Koennten Sie mir die entsprechende Uebersichtstabelle zukommen lassen oder einen link wo ich diese finden kann ? Danke !Gruss, Michael berrier
  3. Christian Grohmann http://www.bonapart.de:
    Hallo Herr Berrier, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Die Tabelle der Emissionsgrenzwerte finden Sie in dem oben im Artikel verlinkten PDF-Dokument. Beste Grüße - Christian Grohmann

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